Wilhelm Tell: die Legende, und was Historiker wirklich wissen
Kein Dokument aus seiner Zeit belegt, dass Wilhelm Tell gelebt hat. Die Geschichte erscheint zuerst im Weissen Buch von Sarnen, geschrieben um 1470, lange nach den erzählten Ereignissen, und ihr berühmter Apfelschuss hat einen Zwilling in einer dänischen Chronik von etwa 1200. Historiker sehen Tell als Legende, die die Schweiz geprägt hat, nicht als belegte Person.
Wer lange genug hier lebt, dem begegnet Tell. Er steht in Bronze in Altdorf, und, so meint man, auf dem Fünfliber in Deiner Tasche. Die Geschichte ist einfach und sehr gut. Sie ist auch, soweit irgendjemand es belegen kann, eine Geschichte.
Die Geschichte, wie die Schweiz sie erzählt
Ein habsburgischer Vogt namens Gessler hängt in Altdorf seinen Hut auf eine Stange und befiehlt allen, ihn zu grüssen. Tell weigert sich. Zur Strafe muss er einen Apfel vom Kopf seines eigenen Sohnes schiessen, und er trifft. Trotzdem wird er verhaftet, entkommt aus Gesslers Boot mit einem Sprung auf eine Felsplatte am See und lauert Gessler später in der Hohlen Gasse bei Küssnacht auf. All diese Szenen, Hut, Apfel, Sprung und Gasse, stehen schon in der ältesten schriftlichen Fassung (Schweizerisches Nationalmuseum).
Woher die Geschichte wirklich kommt
Diese älteste Fassung steht im Weissen Buch von Sarnen, einem Band mit Urkunden und Chronik, den Hans Schriber, der Landschreiber von Obwalden, um 1470 zusammenstellte. Unterwalden war 1469 mit der Reichsacht belegt worden und musste zeigen, dass seine Rechte alt und rechtmässig waren. Eine Erzählung von grausamen Vögten und gerechtem Widerstand passte dazu bestens (Schweizerisches Nationalmuseum). Um 1477 folgt das Tellenlied, und im 16. Jahrhundert gab der Chronist Aegidius Tschudi der Geschichte ein festes Datum: 1307 (Historisches Lexikon der Schweiz).
Der Apfel ist älter als Tell
Zwischen etwa 1185 und 1200 schrieb der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus die Geschichte eines Schützen namens Toko, auch Palnatoki genannt, auf, den ein dänischer König zwingt, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen (Schweizerisches Nationalmuseum). Laut Historischem Lexikon der Schweiz verband Schriber die Tellgeschichte mit diesem nordischen Apfelschussmotiv. Eine gute Szene reist weit.
Hat Tell also gelebt?
1760 behauptete eine anonyme Schrift, «Der Wilhelm Tell, ein dänisches Mährgen», die ganze Geschichte stamme aus dem Norden. Für die breite Öffentlichkeit war das unannehmbar. Doch als Historiker im 19. Jahrhundert, allen voran Joseph Eutych Kopp, die Schweizer Geschichte auf Urkunden statt auf Überlieferung bauten, liess es sich nicht mehr übersehen: Kein Dokument aus Tells eigener Zeit erwähnt ihn. Heute nennt ihn das Historische Lexikon der Schweiz einen sagenhaften Helden der Befreiungstradition (Historisches Lexikon der Schweiz).
Vielleicht hat Tell nie gelebt. Ohne ihn sähe die Schweiz trotzdem anders aus.
Warum er trotzdem zählt
Friedrich Schillers Drama Wilhelm Tell von 1804 machte aus der Legende eine der grossen Freiheitsgeschichten Europas. Altdorf stellte 1583 sein erstes Telldenkmal auf, die Bronze von Tell und seinem Sohn auf dem Platz stammt von Richard Kissling, aus dem Jahr 1895. Sogar das Postauto spielt ihn: 1924 übernahm die Post ihr Dreiklanghorn, ein Motiv aus Rossinis Ouvertüre zu Wilhelm Tell (Historisches Lexikon der Schweiz). Wenn Dich das nächste Mal ein gelbes Postauto auf der Passstrasse anhupt: Das ist Tell, der grüsst.
Und der Mann auf dem Fünfliber?
Nicht Tell. Swissmint, die eidgenössische Münzstätte, sagt es klar: Der Fünfliber zeigt einen Alphirten, und die ersten Skizzen seines Gestalters Paul Burkhard zeigen genau das (Swissmint). Er ist seit den 1920er-Jahren auf der Münze, und auch der Bund räumt ein, dass viele in ihm Tell sehen (admin.ch). Du darfst Deine Schweizer Kolleginnen und Kollegen jetzt korrigieren. Freundlich.
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Häufige Fragen
Hat Wilhelm Tell wirklich gelebt?
Es gibt kein Dokument aus seiner Zeit. Die älteste schriftliche Fassung steht im Weissen Buch von Sarnen von etwa 1470. Das Historische Lexikon der Schweiz nennt ihn einen sagenhaften Helden der Befreiungstradition.
Ist Wilhelm Tell auf dem Fünfliber?
Nein. Laut Swissmint, der eidgenössischen Münzstätte, zeigt der Fünfliber einen Alphirten, wie die Skizzen seines Gestalters Paul Burkhard belegen.
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